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Zinksärge für die Goldjungen (1973)

Da glaubt man jahrelang an eine wenig facettenreiche, deutsche Filmlandschaft. Mit viel Glück hat man von Kindheitsbeinen an auch gute Filme in dieser entdeckt. Doch obwohl sich ambitionierte Kleinstlabel und größere Vertriebe der stetigen Nachfrage nach Europloitation auf DVD stellen, dauert es gefühlte Ewigkeiten, bis man urplötzlich und rein zufällig abseits dieses Stroms über grandiose Perlen stolpert, von denen man insbesondere aus Deutschland kaum zu träumen gedachte. Mir jedenfalls ging es so, als ich durch Karate, Küsse, blonde Katzen auf die Rapid-Film aufmerksam geworden in Zinksärge für die Goldjungen vom Stahlnetz und Tatort Regisseur Jürgen Roland mehr als nur fündig geworden bin.
Ein bisschen schmeckt man die lokale Note der Fernsehkrimis sogar durch, so scheint es jedenfalls, wenn in so einer Kinoproduktion plötzlich ein Ganovenring unter dem Deckmantel des Kegelklubs “Schwarzer Pudel” die alleinige Vorherrschaft im kriminellen Milieu Hamburgs inne hat. Vergleichbar sind die Formate ansonsten jedoch kaum. Die deutsch/italienische Zusammenarbeit vermengt vielmehr treffsicher zahlreiche Elemente, die trotz deutlicher Vorlagen in der Summe einen durchaus eigenständigen Unterhaltungsfilm ergeben.

Es ist gar nicht unbedingt Der Pate, sondern das tatsächliche Vordringen internationaler Banden in deutschen Städten, die der Figur des Italo-Amerikaners Luca Messina, verkörpert immerhin von Henry Silva, in Zinksärge für die Goldjungen zum Vorbild gestanden haben wird. Begeistert vom friedlichen Hamburg faßt dieser kaum von Board gegangen schon den Plan, diesen Ort zu seiner Stadt zu machen. Freilich provoziert dies eine Auseinandersetzung mit Otto Westermann (Herbert Fleischmann), dem Boss der Kegelbrüder.
In der Kulisse eines blutigen Feldzuges ohne nennenswerte Eingriffe der Ordnungshüter, flankiert von der Zuneigung zum Boxsport, lernen sich Messinas Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und Westermanns Sproß Erik (Horst Janson) von dem Schaffen ihrer Väter wenig tangiert kennen, um sich ganz unverbindlich nackt aufeinanderzulegen. Sie ahnen nicht, bald ein Drama shakespearischen Ausmaßes zu durchleben, mit dem das Verhältniss der Nachkriegskinder zu ihrer Elterngeneration deutlich karikiert wird.

Erstaunlich auch der publikumsgerechte, hitchcockianische Storyaufbau, der keinesfalls bei der Suspense einer Autobombe in einem nervenaufreibend durch die Stadt gehetzten PKW an die Grenzen stößt. Zinksärge für die Goldjungen besteht aus einem Geflecht von Ursachen und Wirkungen, die oftmals an Spannung durch das Mitwissen des Zuschauers gewinnen. Keinesfalls läßt der Einfluß des Zufalls den Ausgang erahnen. So kommt es nicht zu einer linearen Konfrontation, sondern es ergeben sich immer wieder Annäherungen, die je von der den Gangstern eigenen Niederträchtigkeit gebrochen werden.
Die größte Sensation macht sich jedoch den verzögerten deutschen Kinostart von Leben und sterben lassen zu nutze. So war fast zeitgleich auf der Leinwand nicht nur James Bond in eine atemberaubende Schnellboothatz verwickelt, sondern auch Messina und Westermann sausten durch die klaustrophobischen Schluchten der Hamburger Speicherstadt, was durch die ruppigere Inszenierung fast noch mitreißender ausfällt und in Verfluchtes Amsterdam der verdächtigen Parallelen wegen wohl später in die Niederlande übersetzt wurde. Mit einer eigens importierten Kung-Fu-Nummer belegt Zinksärge für die Goldjungen anschaulich, daß es auch auf deutschem Boden mit ein paar Milliönchen möglich ist, einen Actionthriller auf Weltniveau zu drehen.

Obwohl sicherlich einige Umstände heute trotzdem possierlich erscheinen, sei es der für die Rolle des Erik deutlich zu alte Horst Janson, der meinem Jahrgang außerdem zunächst eher durch sein Mitwirken in der Sesamstraße bekannt geworden ist, der zeitgenössische Wortlaut der Dialoge oder die Tatsache, daß ausgerechnet hier die Betthäschen noch recht züchtig anzusehen sind, überwiegt in Zinksärge für die Goldjungen doch ein gekonnter Spagat zwischen Lokalkolorit, Action und Unterhaltung. Begrüßenswert ist der Einsatz des Humors, der eben nicht in die übliche Klamaukkiste greift. Im Gegenteil entläßt Zinksärge für die Goldjungen sein Publikum dank seiner Schlußwendung mit einem Schuß vor den Bug, den man so trocken sicher nicht erwartet hätte.
In Nebenrollen tummeln sich solch unterschiedliche Personen wie der ehemalige Pornosprecher Dénes Törzs, der seinerzeit schon für den Norddeutschen Rundfunk arbeitete und später im zugehörigen Fernsehprogramm zur Ansagerlegende wurde, Johanna König, die in weißer Latzhose als Werbefigur Klementine für das Waschmittel Ariel ein in allen Haushalten bekanntes Gesicht geworden ist oder Dan van Husen, der seine Karriere in italienischen Produktionen begonnen hatte. Doch Zinksärge für die Goldjungen ist kein Trashfilm, der einem bei der Erstsichtung genügend gedanklichen Spielraum zur Konzentration auf solche Details geben würde. Wir haben es mit amtlichem Genrekino zu tun, dessen angemessen Würdigung noch aussteht.

Warum wird diese Facette des deutschen Films nun so stiefmütterlich behandelt? Ist es nicht in Zeiten der Salonfähigkeit von Musikinterpreten mit deutscher Lyrik, ja dem durch die Bundeslena nun nach Deutschland geholten Eurovision Song Contests nicht langsam Zeit die Scheu vor den Propheten des eigenen Landes abzuwerfen? Wenn es doch schon so selten etwas zwischen ernst und albern aus unserem Raum zu bestaunen gibt, warum besinnen wir uns nicht darauf, daß wir es zumindest mal anders konnten? Zinksärge für die Goldjungen schreit nach einer neuen Auswertung, insbesondere, weil in der Exportfassung möglicherweise noch dem deutschen Markt unbekannte Einstellungen schlummern. Für Granaten dieses Kalibers kann der Appell nur lauten: Sag ja zu Deutschploitation!

Originaltitel: Zinksärge für die Goldjungen
Produktionsland: Deutschland, Italien
Produktionsfirma: Rapid Film, Studio Hamburg, Produzioni Cinematografiche Roma Film
Erstaufführung: 30.11.1973, Deutschland
Regie: Jürgen Roland
Autor(en): Werner Jörg Lüddecke, August Rieger
Produktion: Wolf C. Hartwig
Kamera/Schnitt: Klaus Werner, Herbert Taschner, Lucia Ludovici
Musik: Coriolano Gori
Darsteller: Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassarre, Ermelinda De Felice, Sonja Jeannine, Dan van Husen, Wolfgang Kuhlman, Peter Lehmbrock, Denes Törzs, Johanna König u.a.

OFDb, IMDb, Quartier (Gangster und Konsorten)

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