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Wenn man baden geht auf Teneriffa (1964)

Ein Lied auf den Lippen, auch wenn der Urlaub ins Wasser fällt

Wenn man baden geht auf Teneriffa (1964) DVD von e-m-s
Wenn man baden geht auf Teneriffa
(1964, Deutschland)
Regie: Helmuth M. Backhaus
mit Geneviève Cluny, Peter Kraus, Corny Collins, Ursula Oberst, Heinz Erhardt u.a.
DVD von e-m-s
Eine Riege von Stars des Wirtschaftswunder-Kinos trifft in Wenn man baden geht auf Teneriffa zusammen. Peter Kraus und Corny Collins etwa durfte man schon mehrfach zusammen mit dem Humoristen Heinz Erhardt erleben, der zu Gunsten der Jugend nicht sonderlich im Vordergrund steht. Eine wirkliche Hauptrolle jedoch lässt sich in dieser vorletzten Produktion der erst 1961 gegründeten Piran-Film + Televisions GmbH nicht festlegen. Es handelt sich primär um einen typischen Schlagerfilm und dies lässt sich nicht nur an der Aufteilung der Figuren ausmachen, die in der seichten Handlung der Revue auftreten. Wenn man baden geht auf Teneriffa wirkt auf den ersten Blick mit seinen Urlaubsträumen und den charakteristisch hallenden Schlagern nahezu wie ein Anachronismus, gerade, wenn man sich vor Augen führt, daß die Beatles nach fünf Alben bereits in eine neue, fruchtbare Phase wuchsen und im Kino längst James Bond, Karl May und Edgar Wallace liefen.

Was Helmuth M. Backhaus in seinem Film Wenn man baden geht auf Teneriffa meiner Ansicht nach hervorragend einfängt, ist die Trendträgheit der Masse, die in der Infrastruktur der 50er und 60er Jahre noch um einiges behäbiger ausfiel als es im Internetzeitalter der Fall ist. Wenn diese kleine Geschichte von den Abiturienten, die zur Feier ihres Abschlusses nach Teneriffa fliegen, einerseits vollkommen modern erscheint, so ist es andererseits doch realistisch, daß die Rock’n'Roll-Attitüden eines schwiegermutter-tauglichen Peter Kraus noch weit in die wilde Beat-Ära hinein reichen und die zeitgenössische “Jugend von Heute” in ihrem Rebellentum reichlich handzahm ausfällt, zumal es sich ja um bildungsbürgerliche Kinder aus Elternhäusern handelt, die betucht genug sind, eine Flugreise in den Süden zu verschenken.
Auch wenn der Trip nach Teneriffa nicht mit einer heutigen Pauschal-Sauftour nach Malle zu vergleichen ist, so kann eine gluckende Mutter nicht loslassen. Sie fragt das Reisebüro in Sorge über ziemlich alles den Urlaub betreffende aus, von der Triebwerkzahl des Fliegers bis zur Betreuung der “Jugendlichen” beiderlei Geschlechts. Die Begleiterin der Jugendgruppe (Geneviève Cluny) sieht dann auch direkt aus wie die Prusseliese aus Pipi Langstrumpf.

Teneriffa umspielt noch der exotische Hauch der südlichen Fremde und ist nicht gar so ordinär wie der Gardasee oder andere Ziele, die ein mit der ganzen Familie überladener VW-Käfer erreichen könnte. Immerhin sind die Canaren geographisch mehr mit Afrika verbunden als der spanischen Regierung.
Flugzeugkapitäne sind noch Halbgöttern gleichzusetzen und niemand käme auf die Idee, einer von ihnen könnte von weltlichen Leiden wie einer Depression betroffen sein. Ihre kräftig gefärbte Uniform steht dem weißen Mantel eines den Verkehr auf einer Kreuzung regelnden Polizisten in nichts nach.
Interessant aber ist die Tatsache, daß die Reiseindustrie selbst schon hart ins Gericht genommen wird. Könnte man eine urige Situation am Reiseziel noch auf die immens hohe Nachfrage zurückführen, der mit einfach jeder verfügbaren Kaschemme begegnet wird, so wird Wenn man baden geht auf Teneriffa auf sprichwörtliche Art verstanden. Da wird wirklich baden gegangen.
Die sechs musikalisch begabten Jugendlichen und ihre Aufsicht steigen mit Tristan Wenzel (Heinz Erhardt) im Hotel Fiesta ab, in dem das Geld knapp und das Personal unzufrieden ist. Das Reisebüro aber hat schon lange keine Rechnungen beglichen. Das Flugzeug wird beschlagnahmt und das Hotel bekommt natürlich wieder keinen Scheck.

Sparprogramm an allen Ecken und Enden, finanziell strauchelnde Firmen – wenn es nicht um einen lukrativen Geschäftszweig ginge, der versuchte den seit dem Wirtschaftswunder wachsenden Reisehunger der Deutschen zu stillen, man könnte annehmen, Wenn man baden geht auf Teneriffa zeige Probleme von heute. Da ist Heinz Erhardts Figur als Reisetester nur passend, lief doch vor nicht allzu langer Zeit erfolgreich eine Doku-Soap zu diesem Thema auf Kabel 1.
Die kesse blonde Kritikerin der heutigen Zeit hätte auch ihre helle Freude an dem Chaos gehabt, dem sich die Betroffenen doch sehr gelassen stellen. Auch wenn sich Tristan Wenzel immer wieder Notizen macht, so begreifen die Abiturienten das inzwischen personalfreie Hotel Fiesta doch eher als Spielplatz, wo die Reisegruppe gegen Kost und Logie kurzerhand zur Belegschaft wird. Abgesehen von den regelmässigen Musikeinlagen entwickelt sich der Plot von Wenn man baden geht auf Teneriffa getreu dem angespielten Mañana-Lebensstil der Einheimischen doch eher träge. So wird die Lage kaum merklich besser. Zunächst buchen auch die letzten zahlenden Gäste aus und es bleibt Zeit für Ferien am Strand. Erst als der Hotelkönig Varnhagen (Richard Häussler) erwartet wird, setzt man Hoffnung in eine Übernahme und gerät direkt in Schwung.

Selbstverständlich bietet Wenn man baden geht auf Teneriffa zahme Liebeleien, bei denen mehr von Heirat als Körperkontakt die Rede ist. Da die Spannungsfelder insgesamt gemässigt ausfallen gerät man als Zuschauer relativ wenig in Aufregung. Sicher, Details am Rande, wie eine wachsende Gruppe primitiv starrender Männer, als der jungen Bessy (Ursula Oberst) bei einem Unfall der Rocksaum reisst und die Selbstverständlichkeit eines Jungen dabei, eine herbeigekullerte Zitrusfrucht in die Tasche zu stecken könnte man als Vorurteilskolportage deuten und anprangern.
Dafür begreift Helmuth M. Backhaus seine Jugendlichen auf eine sehr interessante Weise, erzählt er doch von jungen Erwachsenen, die sehr wohl wissen, was sie tun. So sind es in Wenn man baden geht auf Teneriffa eher die Eltern, die abgeschreckt vom juvenilen Jargon um ein Abrutschen in ein Halbstarkentum fürchten. Schließlich jedoch handelt es sich um Menschen, die sich Wirtschaft und Industrie in den 50er Jahren als relevante Konsumentenschicht erschlossen haben. Aus Rebellion ist quasi Mode geworden, die in kommerzieller Breite zwar noch vorhanden, aber untergründig vom Beat schon lang überholt worden ist. Kein Wunder, daß es nun diese harmlosen Verbraucher sind, die mit ihrer Kaufkraft in die Irre geführt und letztlich vom Veranstalter um ihr Geld betrogen werden.

Generell verläuft Wenn man baden geht auf Teneriffa auf diese plätschernde und geistig wenig überfordernde Art, die ich zu mancher Stunde ganz gern einmal genieße.
Passend zum Plot hatte die Produktionsfirma die Zollformalitäten für das Einführen der technischen Ausrüstung versäumt, was zu einer einwöchigen Zwangspause der bereits angereisten Schauspieler führte. Kalkweiß steigen sie daher in Flieger, um ihn auf Teneriffa braungebrannt zu verlassen. Ob diese nun deshalb entspannter wirken oder ob der Dreh mögliche Bissigkeit verloren hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Mindestens Heinz Erhardt wird deutlich unterfordert, in dem seine Präsenz zu wenig für Spitzen genutzt wird. Dafür darf er dann tanzen und Getränke oder einen Badeanzug spendieren.
In Wenn man baden geht auf Teneriffa ist er öfter als in vielen seiner anderen Nebenrollen zu sehen, liefert aber ähnlich viele Pointen. Eher wird er eben hier und dort als Schlüsselfigur mißbraucht, um bestimmte Dinge zusammen zu führen.
Sofern nicht gemeinschaftlich dargeboten konzentrieren sich die Songs auf Peter Kraus und Ursula Oberst. Exotischer wird es durch Die Tahiti-Tamourés mit dem eingängigen Mañana, Mañana, Mañana. Die weiteren Filmmusiken aus Wenn man baden geht auf Teneriffa stammen von Christian Bruhn, den später geborene für seine Musiken aus Wickie, Heidi, Sindbad, Timm Thaler und natürlich Captain Future schätzen. An diesem Beispiel wird deutlich, wie lange der Musiker schon erfolgreich aktiv ist. Nach einer Zeit kommerzieller Hit-Epigonen startete Christian Bruhn 1960 in den Hitparaden mit seinen Kompositionen für Conny Froboess (Midi-Midinette, Zwei kleine Italiener), Siw Malmkvist (Liebeskummer lohnt sich nicht) und Drafi Deutscher (Marmor, Stein und Eisen bricht) durch.

Bereits seit den 50er Jahren hatte Helmuth M. Backhaus Drehbücher für dieses Sujet geschrieben, bevor er mit Die Post geht ab seine erste Regiearbeit abschloss. Zumindest thematisch müsste man ihm also eine Kenntnis seines Handelns unterstellen dürfen.
Es obliegt hierbei dem Zuschauer, ob man die Spuren zweier seiner Arbeiten in Wenn man baden geht auf Teneriffa als gelungene Reprise oder innovationsarme Kopie empfinden mag. Es scheint schließlich schon so, als würden Elemente wie etwa das insolvente Reisebüro aus Die Post geht ab oder Züge der von Helmuth M. Backhaus verfassten 1960er Drehbuchadaption der Operette Im weißen Rößl miteinander verschmelzen. Kurios am Rande: Die Titelsequenz benennt nicht nur das Backhaus-Pseudonym Gregor Trass als Drehbuchautor, sondern auch eine Position “Script”, die durch den ominösen “Li Bong” bekleidet wird.
Es mag sicher sein, daß die Piran-Film ohne großen Verleih im Rücken auch einen Nachteil hatte, doch wenn sich mit einer großen Zahl an Prominenten kein Erfolg einstellt, muß noch einiges mehr im argen liegen. Warum nicht wie zuvor die Gloria- oder Constantin-Film mit dem Unternehmer Egon Haebe zusammen arbeiteten ist mir nicht bekannt. Doch so wie Peter Kraus den in München und auf Teneriffa und Gran Canaria gedrehten Wenn man baden geht auf Teneriffa als seinen letzten Schlagerfilm bezeichnet, liegt der Gedanke nahe, daß dieses Format schlicht überholt war.

Anachronistisch wie Wenn man baden geht auf Teneriffa sind sicher auch meine Erinnerungen an den Partykeller meiner Großeltern mit der selbstgezimmerten Bar vor einem Schränkchen gelsenkirchener Barocks. Nebst zeitgenössischem Kitsch, der großteils aus Mitbringseln von Urlaubsfahrten in die über Heimatfilme liebgewonnenen deutschen Gebirgsformationen bestand, fügte sich vor allem die Phonotruhe bestens ins Gesamtbild. Auf einer speziellen Spindel aufgetürmt warteten so bis zu 10 Vinylsingles darauf, von der Nadel abgetastet zu werden – allesamt Schlager der 50er und 60er. Ich genoss sie oft, diese von vielen Besuchen vertraute Welt, wie ich mir auch an Sommertagen gern auf der Hollywood-Schaukel ein laues Lüftchen um die Nase wehen ließ.
Was ich in dieser Facette meiner 80er Jahre erlebte, eröffnet mir den nostalgischen Blick auf eine Epoche des deutschen Schlagers und Films, die sicher nicht üblich unter den Filmbuffs meiner Generation ist, die gemeinhin wenig Interesse an dieser Facette der großartigen Filmpalast-Reihe von e-m-s hegte, die deutsches Kino liebevoll aufbereitete.
In den letzten Jahren ist eine Trendwende zu bemerken und zwischen dem dankenswerten Dauerfeuer von Pidax und Filmjuwelen und der hervorragenden Restaurationsarbeit von Subkultur Entertainment ist aus dem Konsum deutscher Filme von der verschämten Sicht als Guilty Pleasure langsam ein Kult geworden, der eine ernste Diskussion über die Werke dieser Zeit ermöglicht.

Hier könnte Wenn man baden geht auf Teneriffa auf fruchtbaren Boden fallen, ist doch weniger der Inhalt die besondere Stärke des immer noch passablen Films, sondern die Aussenseiterposition als eine späte Marke dieser Schlagerlustspiele, bevor sie ihre letzte Naivität einbüssten, als sie von Lümmeln und kessen Bienen unterwandert wurden. Schade also, daß die Filmpalast-DVDs des inzwischen eingemotteten Labels e-m-s ihrer Zeit etwas vorraus waren und inzwischen zu teils horrenden Summen gehandelt werden. Da gab es von Heintje bis St.Pauli so manche Sternstunde des deutschen Kinos zu bewundern.

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Ergänzende Informationen

OFDb, IMDb, Wikipedia, Moviepilot, Filmportal

Daten zu Wenn man baden geht auf Teneriffa
  • Originaltitel: Wenn man baden geht auf Teneriffa
  • Regie: Helmuth M. Backhaus
  • Autor: Helmuth M. Backhaus
  • Darsteller: Geneviève Cluny, Peter Kraus, Gunnar Möller, Corny Collins, Richard Häussler, Ursula Oberst, Heinz Erhardt, Helga Lehner, Karin Heske, Hannes Stütz, Ralph Persson, Hans Elwenspoek, Loni Heuser, Rolf Castell, Horst Pasderski, Katrin Teleky
  • Erstaufführung: 11.09.1964, Deutschland
  • Produktionsland: Deutschland
  • Produktionsfirma: Piran-Film
  • Produktion: Eva Rosskopf
  • Kamera: Gerhard Krüger
  • Schnitt: Anneliese Artelt
  • Musik: Christian Bruhn
  • Soundtrack:
    • V.A.Das wird ein Wochenende
    • Peter KrausWer dich sieht, Evelyn
    • Peter KrausLass kein Mädchen lange warten
    • Die Tahiti-TamourésMañana, Mañana, Mañana (Roter Mond vom Rio Negro)
    • Ursula OberstWarum schaust du mich so an?
    • Ursula OberstEnde gut, alles gut

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