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Top Girl oder la déformation professionnelle (2014)

Postfeministisch professionalisiertes Poppen

Top Girl oder la déformation professionnelle (2014) Plakat
Top Girl oder la déformation professionnelle
(2014, Deutschland)
Regie: Tatjana Turanskyj
mit Julia Hummer, Rolf Peter Kahl, Susanne Bredehöft, Stefan Mehren, Karim Cherif u.a.
Film im Verleih von Drop-Out Cinema
Drop-Out Cinema bringt mit dem heutigen Bundesstart Top Girl oder la déformation professionnelle, den zweiten Teil der Frauen und Arbeit-Trilogie in die Kinos. Tatjana Turanskyj begrüßt die Zuschauer mit einer Szene, die auch ein Ausschnitt aus Die 120 Tage von Sodom sein könnte. Vier nackte Frauen rennen durch den Wald. Sie wirken gehetzt. Den Übergang zum urbanen Leben schafft dann eine Lärmkulisse gegenwärtiger Infrastruktur. Dann konzentriert sich Top Girl oder la déformation professionnelle auf die Protagonistin Helena (Julia Hummer). Sie arbeitet als Liebesdame und Domina unter dem Pseudonym Jacky.
Während andere Filme im Pathos eines Problemfilms zerfließen, oder die Psychologie der Hure zerlegen, bleibt Tatjana Turanskyj überraschend nüchtern. Prostitution ist für die alleinerziehende Helena ein Broterwerb. In Castings stellt sie sich auch als Schauspielerin vor. Gewünscht wird im gewählten Beispiel ausgerechnet die Interpretation von Notgeilheit. Alles in Top Girl oder la déformation professionnelle ist erstaunlich überlagernd.
Die zumeist ruhenden Blicke der Kamera zeigen Helena als attraktive Frau mit teilnahmslosen bis gelangweilten Zügen. Mit oft aus der Handtasche hervorgezauberten Standardutensilien verwandelt sich Helena in eine Helferin, deren Position die Jämmerlichkeit ihrer Freier betont. Ob Teil ihrer erotischen Inszenierung oder nicht, ein emotionaler Ausbruch über die Einseitigkeit der ihr entgegen gebrachten Wünsche scheint persönlich betroffen.

Top Girl oder la déformation professionnelle räumt auf mit dem Vorurteil, daß professionelle Sexarbeiterinnen exotische Wünsche frustrierter Ehemänner erfüllen. Es scheint ein Wandel vom Familienalltag der Vergangenheit zu sein, bei dem die Single-Frau gegen Geld auf den erfolgreichen, aber gehetzten Mann trifft, der sich oft als Beziehungsersatz am meisten konventionellen Geschlechtsverkehr und ein bisschen Kuscheln wünscht. Am besten möge die Frau die Klappe halten.
Während Porno-Sex und Bizarres von allen Plakatwänden prangen und die moderne Frau ihre Ansprüche an den Partner richten darf, zeigt Top Girl oder la déformation professionnelle eine Kundschaft, die aus der entstandenen Lücke entspringen könnte.
Kurze, anstrengungslose Befriedigung der männlichen Lust, keine Ansprüche der Frau, die nach ein bisschen Nähe noch die Sauerei wegputzen muß. Diese pervertierte Abhängigkeit von einem Ernährer erinnert an ein Frauenbild, welches in einer aufgeklärten und selbstbestimmten Gesellschaft obsolet erscheint.
Die Rolle des fordernden und bestimmenden Daddies nimmt in Top Girl oder la déformation professionnelle die künstliche Figur Jacky ein, wenn sie ihren Strap-On anlegt, auf ihn spuckt und ihn reibt, um ihn dann im Hintern eines männlichen Kunden mit Vorliebe für das Tragen von Pumps zu versenken.
Um Leistungsverkehr kommt Helena als Jacky nicht herum, doch haben diese nicht mit Spiel oder Empathie zu tun. Ein überarbeiteter Nerd, der seinen Streß an Jacky ausweint, um dann seinen Frust lustfrei bis zur Schmerzgrenze an der Sexarbeiterin auszuvögeln, das ist in diesem Konstrukt Ersatzhandlung für häusliche Gewalt mit dem bitteren Beigeschmack einer Geiz-ist-geil-Mentalität und damit weit ab von Genuß.

Der Ausweg in die Rolle der Regisseurin zu schlüpfen und nun selbst Frauen als Objekte zu inszenieren ist die logische Konsequenz für Helena in einem Paradigmenwechsel, der in Top Girl oder la déformation professionnelle auf bittere Art verdeutlicht, wie wenig sich unter der Oberfläche geändert hat. Die Prozesse ähneln sich sehr, nur die Positionen haben sich verschoben.
Spannend hierbei ist besonders die Antithese, Helenas Mutter (Susanne Bredehöft), die nicht nur den Nachwuchs hütet, sondern in ihrem Lebenswandel schließlich aufblüht, sich und ihre Bikinizone unter der Frage eines feministischen Seminars danach, ob sie hässlich sein wolle, neu entdeckt. Wenn der Körper zu schlabbern beginne, ziehe sie ihre totale Anti-Haltung zurück, so drückt sie sich aus.
Für den Abschluß von Top Girl oder la déformation professionnelle sucht Tatjana Turanskyj den Weg zurück in die Wildnis. Die Anfahrt der Frauen wird inszeniert mit Musik, Tanzbewegungen und ein wenig Schnaps. “Lasst uns Spaß haben“, sagen sie, wie auf dem Weg zu einer Disko. Zurecht gemacht werden sie sich jagen lassen. Das Spiel ist ähnlich, aber professionalisiert in der Selbstverständlichkeit der postfeministischen Konsumgesellschaft.

Frauen und Arbeit zeigt Top Girl oder la déformation professionnelle, 14 Jahre nach der Jahrtausendwende. Mit der bitteren Ironie, daß die an den Auftakt knüpfenden Jagdbilder abermals von Pier Paolo Pasolini stammen könnten, schließt Tatjana Turanskyj ihr Filmessay. Souverän steht die herrschaftlich geschmückte Dienstleisterin über den Darstellern und dem Publikum, als eine aufgebretzelte Gewinnerin des kapitalistischen Systems.
So wenig aufgeregt die Impressionen sind, so stark reizen doch die Kontraste. Eine gebrechliche Selbstbestimmung bei klar ausgehandelten Stimulationsmodalitäten stellt Top Girl oder la déformation professionnelle als gesellschaftliche Frage über das Ficken und gefickt werden in den Raum. “Ich habe genug!” tönt es über dem Abspann und der Zuschauer darf mit sich ausmachen, ob es seine Sympathien zur Katharsis der schönen Helena unterstreicht, oder ein Slogan moralischer Konsequenz sein wird.

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Daten zu Top Girl oder la déformation professionnelle
  • Originaltitel: Top Girl oder la déformation professionnelle
  • Regie: Tatjana Turanskyj
  • Autor: Tatjana Turanskyj, Sylke Rene Meyer
  • Darsteller: Julia Hummer, Rolf Peter Kahl, Simon Will, Susanne Bredehöft, Jojo Pohl, Franziska Dick, Andina Weiler, Mira Partecke, Thorsten Heidel, Mario Pokatzky, Florian Feigl, Ludmila Skripkina, Nina Kronjäger, Anna Eger, Susanne Strach, Ayse Gül Var, Sarah Grether, Stefan Mehren, Karim Cherif, Daniel Krauss, Sven Seeger, Ilil Land-Boss, Samia Dauenhauer, Janina Rudenska, Niels Bormann
  • Erstaufführung: 11.02.2014, Berlinale, Berlin, Deutschland
  • Produktionsland: Deutschland
  • Produktionsfirma: Turanskyj & Ahlrichs
  • Produktion: Jan Ahlrichs, Tatjana Turanskyj, Corinna Volkmann
  • Kamera: Lotta Kilian
  • Schnitt: Stephanie Kloss, Ricarda Zinke
  • Musik: Niels Lorenz

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