Home » Film » Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom (1973)

Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom (1973)

Mich würde ja zu gern interessieren, wie ein Film der Marke Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom unvoreingenommen auf jemanden wirkt, der mit dem japanischen Exploitationkino bisher keine Berührungspunkte hatte und es deshalb nicht auf möglichst abgefahrene Kruderie abgesehen hat. Schließlich ist der zweite Film aus der Kyôfu joshikôkô Reihe vom in Fankreisen einschlägig berühmten Norifumi Suzuki unter seiner Oberfläche deutlich mehr, als eine Verkettung drastischer Szenen. Im Verhältnis geht es sogar graphisch relativ gesittet zu. Trotzdem verlegt man in diesem Pinku Eiga des Sukeban Subgenres ein ganzes Standardregelwerk von Frauengefängnis- und Nunploitation-Filmen an eine Mädchenschule, was manch zeitgenössisches Elaborat dieser Sparten aus westlicher Feder drollig erscheinen läßt.

Norifumi Suzukis Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom oberflächlich mit der Realität zu vergleichen ist gewagt. Ginge es darum, die langweiligen Stellen des Lebens zu kürzen, so hat er diese Bezüge großflächig ausgespart. So macht bereits die Einführung deutlich, wo das Häschen flott entlang hoppelt. In der Eröffnungsszene ist es eine gefesselte High School Schülerin, die sich ihren Peinigern ergeben muß. Dabei handelt es sich um ihre Mitschülerinnen an einer Schule der Hoffnung – Mitte der 40er Jahre gegründet, um ein demokratisches Japan mit aufzubauen. (Zur Demokratisierung der amerikanischen Besatzer gehörte bis 1949 auch der Civil Information and Education Service, der unter anderem eine Gleichstellung der Frau im japanischen Film verfügte und damit eine kritisch beobachtete Kettenreaktion in Gang setzte.)
Was das Opfer von ihren Kameradinnen unterscheidet, ist der Status als Disziplinarbeauftragte. Ob diese ihre Aufgabe korrekt interpretieren bleibt fragwürdig. Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom wird damit eröffnet, daß die gefesselte Schülerin in einem sadistischen Ritus schlicht ausgeblutet wird.
Es ist auffällig, wie einfach es die folgend vorgestellten drei Mädchen-Gang-Mitglieder den Kriminalbehörden machen, sie festzunehmen und zur erzieherischen Maßnahme in die Schule der Hoffnung zu stecken. Das Motiv wird ebenso kurzbündig offenbart. Es soll Rache an den Mördern verübt werden! Während Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom mit diesen Drehbuchideen kaum einen Preis gewinnen könnte, ist es eine kulturelle Ambivalenz, welche Norifumi Suzuki diesem Setting des Autors Tatsuhiko Kamoi entlockt.

Ende der 60er beteilligten sich 72 japanische Universitäten und Hochschulen an Aufständen nach westlichem Vorbild. Sie protestierten gegen Umweltverschmutzung und Urbanisierung, forderten Veränderungen im Schulsystem. Der Pinku Eiga des zeitgenössischen Kinos spiegelt den Geist der Bewegung wieder und diente den Demonstranten oft als Agitation. In einer auf Disziplin und stille Höflichkeitsformen gedrillten Kultur wie Japan muß dieser Ausbruch der Jugendlichen einen noch größeren Eindruck auf die Bevölkerung gemacht haben, als in westlichen Breiten. Daß im Film außerdem Frauen das Heft in die Hand nehmen, muß dem patriarchisch geprägten Japaner befremdlich vorgekommen sein, aber in Zusammenhang mit dem beliebten Schuluniform-Fetisch auch ein leises Kribbeln beschert haben.
Unter den juvenilen Delinquentinnen treffen ein sich verselbständigtes Justizsystem mit bandenmässig organisierten Kriminellen aufeinander. Es passt nicht von Ungefähr mit der verbreiteten Yakuza-Glorifizierung zusammen, daß die eigentlichen Verbrecherinnen die Seite der Guten repräsentieren, während die Disziplinar-Truppe einen grausamen Walzer auf der Klaviatur des japanischen Ehrgefühls spielend die ihnen unterstellten Mädchen bloßstellen und demütigen. Schon bei der Ankunft müssen die neuen Schülerinnen in Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom eine Untersuchung ihrer primären Geschlechtsorgane über sich ergehen lassen, während man ihnen eine Nutzung der komfortableren Duschen untersagt. In einer Onorashi-Szene muß das Opfer dem Harndruck standhalten.
Die Ordnerinnen betonen selbst, Foltermethoden aus dem Vietnamkrieg anzuwenden. Dies darf nicht ausschließlich als kontemporäre Kritik an den amerikanischen Eingriffen verstanden werden, sondern muß insbesondere auch in Bezug zur Niederlage Japans gegen die USA im zweiten Weltkrieg gesetzt werden. Die Ausmaße der Gefechte bis hin zu den grausamen Atombombenabwürfen und die anschließende Besatzung, bei der die Amerikaner einen erheblichen Einfluß auf die 1946 verkündete japanische Verfassung genommen haben, hinterließen tiefe Narben beim japanischen Volk.

Während viele japanische Männer die Emanzipation der Frau auch heute noch nicht wahr haben wollen, diese jedoch längst Ansprüche erheben und sich selbstbestimmt sozialisiert haben, so mag die Rolle der Frau in Japan 1973 noch nicht ganz so ausgebildet gewesen sein. Die Schülerinnen jedoch belassen es nicht dabei, nach eigener Fasson zu leben und erotische Avancen der Geschlechtsgenossinnen anzunehmen. Sie nutzen ihre Sexualität erfolgsvermittelnd aus, was mehrfach einen Mißbrauch der männlichen Führungspersönlichkeiten zur Folge hat.
An dieser Stelle betont man in Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom dann auch, daß alle betroffenen Männer zwar unter diesen Übergriffen leiden, sich rein sexuell gesehen aber darauf einlassen können, weil sich ihnen eine herbeigesehnte Phantasie erfüllt. Hier lassen sich Muster aus dem BDSM-Bereich erkennen, wobei die unterwürfige Funktion von Menschen aus Alphapositionen quasi einen psychologischen Klassiker darstellt.
So abstrakt die Handlung auf den ersten Blick erscheinen mag, so ein schlüssiges Abbild der japanischen Kontraste und Gegensätze dokumentiert Norifumi Suzuki in seinem Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom schließlich. Dieses offensichtliche Zerrbild läßt möglicherweise tiefer in des Volkes Seele blicken, als ein dem Klischee folgender, in höflicher Zurückhaltung lächelnder Asiate. Suzukis ansprechend photographierter Film, in dem Reiko Ikes Auftritt leider nur einem Cameo gleicht, ist ein Kino der Gefühle. Es ist eine Spiegelung jahrelang unterdrückter Emotionen, welche im Geiste der studentischen Zengakuren-Bewegung in die abschließende Eskalation eruptieren.

Originaltitel: Kyôfu joshikôkô: Bôkô rinchi kyôshitsu
Englischer Alternativtitel: Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom
Produktionsland: Japan
Produktionsfirma: Toei
Erstaufführung: 31.03.1973, Japan
Regie: Norifumi Suzuki
Autor: Tatsuhiko Kamoi
Produktion: Kanji Amao
Musik: Masao Yagi
Kamera/Schnitt: Jubei Suzuki, Kozo Horiike
Darsteller: Miki Sugimoto, Reiko Ike, Seiko Saburi, Misuzu Ôta, Rie Saotome, Yuuko Mizusawa, Yukiko Asano, Ryôko Ema, Emi Jo, Rena Ichinose, Rika Sudô, Takako Yamakawa, Hiroshi Nawa, Hiroshi Nawa u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia (en)

Posted in Film and tagged as , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

One comment on “Terrifying Girls’ High School: Lynch Law Classroom (1973)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>