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Her mit den kleinen Engländerinnen (1976)

Mir fällt es etwas schwer zu entscheiden, welchen Stellenwert man einem Film wie Her mit den kleinen Engländerinnen einräumen kann. Sicherlich ist es ein Schwellenprodukt zwischen Schlager-Revue und freizügerer “junger Welle”, wohingegen das Thema an sich nicht zufällig seinen Nährboden in den 50er Jahren sucht. Waren es nicht gerade die Rock’n'Roll-Songs dieser Zeit, die von Teenager-Liebeleien schmalzten? Jugend an sich besteht aus dem Ausprobieren, dem Entfalten, dem Rebellieren. Es ist nur natürlich, wenn junge Menschen so erste Zuneigung zueinander suchen. Gruppenzwang und große Klappen lassen die Liebe wie einen Sportwettkampf erscheinen.

Gerade hierbei entdeckt man nun unterschiedlichste Facetten, die mit biderer Sitte nichts gemein haben, jedoch stets im sittlichen Rahmen illustriert werden. Her mit den kleinen Engländerinnen erzählt von französischen Lausbuben, deren Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt sind, als ihnen die Pädagogik zugestehen will. Zur Folge scheitern sie schulisch, werden von den Eltern kurzerhand auf die britische Insel geschickt, um in der Sprache Fortschritte zu erreichen. Während die Autorität hier noch weniger ein Hindernis zu sein scheint, widmen sich die zahlreichen französischen Ferieneinwanderer zwischenmenschlichen Erfahrungen, die nach kurzen Experimenten mit den Einheimischen vornehmlich in einem französischen Mikrokosmos ausgelebt werden.

Dies gibt zugleich den wundersamen Effekt, daß die Jugendlichen so einen Freiraum genießen können, der ihnen bisher verwehrt geblieben war. Zwar schlagen sie in Her mit den kleinen Engländerinnen über die Stränge, was gerade im juristischen fatalerweise ohne Konsequenz bleibt, jedoch weisen sie im Sozialen eine erstaunliche Ratio auf. Nun handelt es sich also um juvenile Delinquenten, die zwar im Tante Emma Laden etwas mitgehen lassen und auf alten Stuten das Reiten erlernen. Kann man dies jedoch nicht als dumme Streiche ansehen, wenn entgegen der Vorgabe nach Außen der sexuelle Verkehr noch etwas Besonderes bleibt, die Liebe als höheres Gut entdeckt wird und das Blues tanzen wie Knutschen das zumeist größte Delikt wider der Moral bleibt? Das etwas melancholische Ende weist darauf hin, daß es vielleicht noch nicht der richtige Weg war, zumindest eine Figur jedoch nach diesem Einblick noch eine Erfüllung finden wird, die mit konservativen Zielen durchaus kongruent ist.

Freilich benötigen Jugendliche Grenzen. Wenn man mit Her mit den kleinen Engländerinnen jedoch intellektuell die Freiräume ausloten möchte, die junge Menschen fraglos benötigen um sich charakterlich überhaupt entwickeln zu können, dann muß man dem Film durchaus einen Tiefgang zugestehen, der vielen anderen Abenteuern unter ähnlich gearteten Titelkreationen abgeht. Möglicherweise hat diese Komödie daher gerade bei stetig bildzeitungsforcierten Skandalgenerationen seine Gültigkeit bis heute erhalten.

Originaltitel: À nous les petites anglaises
Deutscher Titel: Her mit den kleinen Engländerinnen
Produktionsland: Frankreich
Erstaufführung: 07.01.1976, Frankreich
Regie: Michel Lang
Darsteller: Rémi Laurent, Stéphane Hillel, Véronique Delbourg, Sophie Barjac, Julie Neubert, Rynagh O’Grady, Aïna Walle, Brigitte Bellac, Michel Melki, Béatrice Saint-Marc, Marc Chouppart, Pierre Pradinas u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

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