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Großangriff der Zombies (1980)

Lenzi klagt, sein Werk werde als Zombiefilm mißverstanden

Incubo sulla città contaminata
aka Großangriff der Zombies
(1980, Italien, Mexiko, Spanien)
Regie: Umberto Lenzi
mit Hugo Stiglitz, Laura Trotter, Maria Rosaria Omaggio, Francisco Rabal, Sonia Viviani, Eduardo Fajardo, Mel Ferrer u.a.

Es ist schon fast niedlich wie sich Umberto Lenzi in einem Interview wiederholt echauffiert, praktisch jeder, sogar dieser Ami Quentin Tarantino, hätte seinen Film falsch verstanden. Im Script habe es sich wohl noch um Zombies gehandelt. Doch auch hier habe er dem Film seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Er habe kontaminierte Menschen gewählt, die wenn überhaupt einem Vampir ähnlich sind. Was schließlich aus dem mysteriösen Flugzeug steigt, wird zumindest als eine radioaktiv verstrahlte Meute vorgestellt. Sie sind gierig nach roten Blutkörperchen, welche sie nicht selbst produzieren können. Diese mit verkrusteten Heilerde-Gesichtern auftretenden Gestalten verfügen über kaum zerstörbare Zellen. Nur die nachhaltige Beschädigung des Gehirns kann sie außer Gefecht setzen. Zombie ist da doch gar nicht sooo abwegig?
Umberto Lenzis Großangriff der Zombies tut sich vornehmlich dadurch hervor, daß es eben keine lahmarschigen Untoten gibt, sondern aggressive, durchaus taktisch bedachte Mutanten. In unnachgibiger Rage fallen sie alles an, was ihnen in die Quere kommt. Großangriff der Zombies ist der nihilistische Rundumschlag. Eine Apokalypse, aus der selbst Protagonisten keinen Ausweg finden. Gekaperte Flugzeuge, radioaktive Verseuchung, Infektion, Machtlosigkeit und Fehler der staatlichen Organe. Selbst der Schutz der Kirche gerät in Zweifel. Freunde werden zu Feinden. Figuren sterben unabhängig von ihrer bisherigen Präsenz auf der Leinwand. Es bricht ein auswegloses Inferno los, welches man vielleicht als eines der wenigen ungeschönten Abbilder in Cinemascope bezeichnen kann.

Ein Actionfilm von fluffigem Surrealismus

Umberto Lenzi inszenierte Großangriff der Zombies nicht als Horrorfilm, sondern viel eher als surreales Actionspektakel. Menschenleere Stille wechselt sich mit den aufbrausenden Angriffen der Mutanten ab. Das unwirkliche, bedeutend musikgestützte Szenario bietet Feststellungen wie etwa, daß ein einspuriger Feldweg doch stark befahren sein müßte. Fast immer liegt irgendwo eine Leiche am Wegesrand. Menschen laufen auf der Flucht aus dem Reflex heraus auf das Auto zu, welches sie doch gerade noch selbst in die Luft geprengt haben. Was man gehässig als schludrige Umsetzung anprangern könnte, unterstützt hier viel mehr die traumartige Atmosphäre.
Stelvio Cipriani entlockt seinem Synthesizer Klangteppiche, die das Hirn mit ihren Wellen stimulieren, daß man sich wie auf Watte mitten durchs Geschehen laufend fühlt. Seine eingestreuten, treibenden Rhythmen verschmelzen mit dem Takt der Todesschreie und Attacken. Sie bauschen diese Angstvision zu einem wilden Durcheinander zeitgenössischer Beobachtungen auf, an deren albtraumhaftem Potential sich bezeichnenderweise bis heute kaum etwas geändert hat.

Vereinzelt Härte für den guten Selbstzweck

Dem gemeinen Katastrophenfilm der vergangenen Jahre sehr nahe, ist Umberto Lenzis Effekteinsatz eine krude Visualisierung von storygebundenem Realismus. In selteneren Momenten geht er voll in die selbstzweckhafte Richtung. Großangriff der Zombies hängt nicht von den Darstellungen durchbohrter Augen oder amputierter Brüste ab. Es ist vermutlich die unglaubliche Geschwindigkeit, die abgebrüht tuende Zeitgenossen zu enttäuschten Äußerungen bewegt. Die Wirksamkeit wird eben nicht über eine überschwengliche Masse oder zähflüssige Auskostung von Matschereien erzeugt. Die Intensität fruchtet fern sichtbarer Gewalttaten auf psychologischer Ebene durch die Menschlichkeit der Monstren und die allumfassende Bedrohung. Letztere gibt den Protagonisten nicht mal im Ansatz Zeit dazu, über Plünderung und Verbarrikadierung nachzudenken. Großangriff der Zombies ist in seinem Ausgangspunkt George A. Romeros Zombie ähnlich, aber vollkommen anders umgesetzt.
Mit einer platten Pointe abgeschlossen erfüllt sich ein Vorurteil gegenüber den oft auch als Plagiatoren eingeschätzten Italienern. Zu leicht sieht man seine Erwartungshaltung bestätigt, einen Trashfilm vorzufinden. Die amüsante deutsche Synchro, in der Horst Tappert den Mel Ferrer vertont und wie immer Norbert Gastell eine Nebenrolle bekleidet, trägt zu dieser Wirkung natürlich bei. Gerade nicht den noch recht aktuellen Romerofilm zum Vorbild zu nehmen sollte aber als Stärke gesehen werden. Umberto Lenzi hat einen Genrezwitter geschaffen, der seine Liebe zum Actionthriller mit dem damaligen Horrorkino verbindet. Dies war ziemlich exklusiv, bis die Machart viel später in 28 Days Later oder Planet Terror wieder aufgegriffen worden ist. Es gibt Leute die Großangriff der Zombies hassen und es gibt eine signifikante Zahl von Fans. Dies bestätigt mich in der Annahme, daß Umberto Lenzi mit diesem Film immerhin etwas Besonderes geschaffen haben muß.

(Sprachlich überarbeitete Fassung meines Textes vom 27.05.2010)

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  • Originaltitel: Incubo sulla città contaminata
  • Deutscher Alternativtitel: Großangriff der Zombies
  • Regie: Umberto Lenzi
  • Autor: Antonio Cesare Corti, Luis María Delgado, Piero Regnoli
  • Darsteller: Hugo Stiglitz (dt. Michael Brennicke), Laura Trotter (dt. Helga Trümper), Maria Rosaria Omaggio (dt. Heidi Fischer), Francisco Rabal (dt. Wolfgang Hess), Sonia Viviani, Eduardo Fajardo (dt. Manfred Schmidt), Stefania D’Amario, Ugo Bologna, Sara Franchetti, Manuel Zarzo, Tom Felleghy, Pierangelo Civera, Achille Belletti, Mel Ferrer (dt. Horst Tappert), Agustín Bescos, Frank Clement, Ottaviano Dell’Acqua, Roberto Dell’Acqua, Alejandro de Enciso, Umberto Lenzi, Fiamma Maglione, Carmen Martínez Sierra, Antonio Mayans, Benito Pacifico, Silvana Scandariato, José Yepes, Rinaldo Zamperla
  • Erstaufführung: 11.12.1980, Italien
  • Produktionsland: Italoen, Mexiko, Spanien
  • Produktionsfirma: Dialchi Film, Lotus Films, Televicine S.A. de C.V.
  • Produktion: Diego Alchimede, Luis Méndez
  • Kamera: Hans Burmann
  • Schnitt: Daniele Alabiso
  • Musik: Stelvio Cipriani

Infos: OFDb, IMDb, Wikipedia, Moviepilot

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