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Ein Haufen verwegener Hunde (1978)

Wir schreiben das Jahr 1944 im besetzten Frankreich. Ein Transport amerikanischer Gefangener ist auf dem Weg zum Prozeß, da greifen die Deutschen den Trek an und einem dreckigen halben Dutzend Krimineller gelingt die Flucht. Sie stehen zwischen den Fronten. Zurück zu den Amerikanern? Keine Chance. Die Deutschen? Würden auch nur drauf halten. Aber die Schweiz, die ist doch neutral und gar nicht so weit weg! Also machen sich die neuen Kameraden auf nach der Grenze. Was sie erleben? Ein Gefecht nach dem nächsten. Der deutsche Adolf Sachs (Raimund Harmstorf) wird kurzerhand zum Verbündeten auf dem Weg durch die feindlichen Linien. Schließlich jedoch erschießen die Flüchtlinge ein paar Landsmännern in Uniformen des Deutschen Reichs, welche gemeinsam mit französischen Widerständlern den Zugtransport einer V2 sabotieren sollten. Zunächst geben sie sich als die Spezialeinheit aus, doch als der Befehlshaber nachrückt, fliegt der Schwindel auf. Nun ist es an den Ausgestoßenen, den Auftrag zu vollenden.

Inglorious Bastards – oder diesmal nicht unpassend betitelt Ein Haufen verwegener Hunde – ist ein relativ einfacher Film (Inglorious Bastards war der originale Arbeitstitel und wurde für Italien zur Veröffentlichung in Quel maledetto treno blindato – etwa Dieser verdammte, gepanzerte Zug – umbenannt). Es gibt keine lange Einführung der Figuren, die mit ihren Einzeilern ohnehin comichafte Klischees bekleiden. Gerade für Deutsche sind die Sprachfähigkeiten von Bo Svenson in der Englisch/Deutsch/Französischen Multilingualversion natürlich zum Brüllen.
Exploitation besteht hier im Wesentlichen aus Kino, welches Kino kopiert, welches Kino kopiert. Stumpfe Aufträge hinter den feindlichen Linien machen eben schon manch amerikanischen Propagandafilm aus Kriegszeiten zu überzogenen Abenteuern. Ein ähnliches Grundmuster bot bereits Sabotageauftrag Berlin und der Score von Francesco De Masi ist dem marschorientierten Soundtrack von Max Steiner auch gar nicht unähnlich. Wie eine amerikanische Tagline (Whatever the Dirty Dozen did they do it dirtier!) schon andeutet, sind Motive aus Das dreckige Dutzend ein Grundgewürz.
Dabei inszeniert Enzo G. Castellari das Drehbuch, an dem immerhin mindestens fünf Autoren gearbeitet haben, so leichtfertig, daß es ein wenig wie ein Kinderspiel anmutet. Kaum steht das eigentliche Drama im Mittelpunkt. Jeder Schachzug dient dazu, in einer weiteren Actionszene zu münden. Wer auf welcher Seite steht ist vollkommen unwesentlich und das ist fast wörtlich zu nehmen, drehten die wenigen Statisten doch in einem Kampf zunächst in den Uniformen der einen Seite, um für den Gegenschuß in die Uniformen der anderen Seite zu schlüpfen. Eine der einprägsamsten Szenen ist jedoch, als die Freunde mitten im Kriegsgebiet an ein Gewässer landen, in dem nackte Mädchen plantschen. Diese scheinen sich an der spontanen Teilnahme der Amerikaner auch erfreuen zu können, bis Fred Williamson um die Ecke biegt und ihnen anhand seines dunklen Teints ein Licht aufgeht. Es handelt sich nämlich um einen weiblichen Kampftrupp der Deutschen, der nun im Evakostüm zu den Waffen greift. Herrlich.
Manchem ist es vielleicht aufgefallen, daß schon Filme wie der oben erwähnte Sabotageauftrag Berlin dem Westerngenre nicht unähnlich sind. Die Titelsequenz im für die Dollar-Trilogie entworfenen Schattenschnittstil Ignio Lardanis ist dabei wohl nicht als Zufall zu werten. Tatsächlich erinnern Motive wie Uniformverwechslungen und der Überfall auf den Zug nebst Brückensprengung nicht unwesentlich an das Genre, im Speziellen provoziert Inglorious Bastards durch sein Finale Vergleiche mit Zwei glorreiche Halunken und über den massiven Einsatz von Slow Motion schließlich The Wild Bunch.

Das italienische Kino ist bekannt für preisgünstige Produktionen, die mit viel Improvisationstalent trotzdem nach etwas aussehen und bestenfalls dennoch unterhaltsam sind. Inglorious Bastards nimmt sich da nicht aus, ist im Gegenteil schon fast ein Paradebeispiel, war Castellaris Wunsch nach dem höheren Actiongehalt im Script doch gerade Auslöser für ein gravierendes Problem, welches schließlich dazu führte, daß der Film abwechslungsreicher wurde als geplant. Als es nämlich daran ging, die Szenen zu drehen, in dem die Bastarde auf ein deutsches Schloß kommen, wurde in Italien ein Anti-Terror-Gesetz beschlossen, welches der Filmcrew aus Angst, die Roten Brigaden könnten sich damit ausrüsten, den Besitz der nicht mehr schußfähigen Waffen untersagte. Flugs wurde umdisponiert und anstatt in ein weiteres Feuergefecht verwickelt zu werden, wehren sich die Abtrünnigen nun mit einer Steinschleuder und Utensilien aus der Schloßdekoration, z.B. einer Armbrust und einer Hellebarde.
Doch schon beim Cast mußte Enzo G. Castellari, der selber ein kurzes Cameo als deutscher Offizier hat, mit dem Arbeiten, was ihm die Produktionsfirma stellte. Bo Svenson war zwar als amerikanischer Schauspieler und ehemaliger Marine prädestiniert die typische Importrolle zu geben, war jedoch durch eine vorangegangene Operation eingeschränkt. Castellari berichtet außerdem, daß Svenson nicht einfach im Umgang gewesen sei, da er vieles meinte besser zu wissen. Beides sicherlich Gründe dafür, daß ihn Fred Williamson ultracool mit Zigarre im Mundwinkel mit Leichtigkeit an die Wand spielt. Williamson drehte nicht nur seine Stunts selber, er verstand sich auch super mit seinem Regisseur, so daß später noch weitere Co-Operationen folgten. Fred Williamson war begeistert von seiner Arbeit in Europa, fühlte er sich hier doch nicht ausschließlich limitiert als schwarzer Schauspieler, wie in Amerika, sondern er konnte sich als Actionstar entfalten. Dennoch erschien, um das Blaxsploitation-Segment zu bedienen, in den USA auch eine editierte Version unter dem Titel G.I. Bro, die Williamson als Hauptfigur darstellte.
Etwas knifflig war auch der italienische DJ Michael Pergolani, der durch seine Prominenz aus Funk und Fernsehen einheimische Jugendliche für Inglorious Bastards begeistern sollte. Mit einem dicken Cheech-Marin-Gedächnis-Schnurrbart und seinen langen Haaren wirkte er nicht gerade wie der typische Soldat. Hierfür mußte erstmal eine Erklärung gefunden werden, die so einfach erscheint, jedoch auch die Grundfesten der Figur bildet, die als deutlich komödiantischer Part angelegt wird und tatsächlich zu unterhalten weiß, obwohl Michael Pergolani überhaupt kein Schauspieler war und sich jede Szene zunächst von Castellari vorspielen lassen mußte.
Überhaupt wirken Enzo G. Castellaris rückblickende Erzählungen heute so, als wäre er am Set ein ergebnisorientierter Gute-Laune-Bär gewesen. Als Ian Bannen schüchtern offenbarte, daß er sich einfach den Text nicht merken könne, bereitete Castellari den nächsten Drehtag einfach so vor, daß Bannen einen Block mit Notizen in der Hand hielt und auf den Bäuchen der Dialogpartner sowie jedem in der Nähe befindlichen Baum ein paar Textzeilen zu lesen waren. Dies spricht auch für einen gewissen Perfektionismus, wurde der Film doch ohnehin ohne Ton gedreht und mußte so nur Lippenbewegungen für die spätere Synchronisation enthalten.

Mit den im Finale relativ deutlich als Miniaturen zu erkennenden Effektaufnahmen gibt Inglorious Bastards schließlich die nicht mehr als zweckdienlich umgesetzte Action preis. Im ganzen Film gibt es auch nur elf Fahrzeuge, die praktisch in jeder Szene eingesetzt wurden – sobald man mehr sieht, finden Miniaturen und Matte Paintings Verwendung. Still stehend fällt der Trick allerdings auch nicht auf. Zudem sieht man in den Explosionen von Gino De Rossi auch mal einen steil am Seil empor gezogenen Soldaten, was eher wie ein Raketenstart als ein Treffer oder eine Druckwelle wirkt. Da sich der Film aber, wenn es mal nicht kracht, eben eher plump durch politisch unkorrekte Wortgefechte auszeichnet, als seine Figuren tiefer auszuleuchten, können diese Szenen innerhalb der handwerklich durchschnitlich guten Umsetzung den Unterhaltungswert deutlich steigern.
Inglorious Bastards ist ein moderner Actionfilm, der sich nicht mit den Schrecken des Krieges im allgemeinen und auch kaum mit dem Grauen des zweiten Weltkrieges auseinander setzen möchte. Dies rückt den Film einerseits in die Nähe des an Revisionismus grenzenden, amerikanischen Western, läßt einen John Rambo schon fast wieder als philosophisch-hintergründig erscheinen. Nichts scheint mehr übrig von den gefühlsintensiven, tragischen Märtyrer- und Erlösergeschichten, die Enzo G. Castellari mit Django – Die Totengräber warten schon, Ein Mann schlägt zurück oder Keoma – Das Lied des Todes zu erzählen vermochte. Hier erwirkt die fehlende Stellungnahme keinen pessimistischen Grundton, der selbst die Handlungen der Figuren in Frage stellt und die Zwiespältigkeit des Protagonisten betont.
Ein Markenzeichen jedoch bleibt. Nicht wegdiskutierbar von Sam Peckinpah inspiriert ignoriert Castellari die fehlende dramaturgische Steigerung zum Showdown und zieht die Schraube der drastisch dargestellten Gewalt gehörig an, um seinem Vorbild zumindest an dieser Stelle Tribut zu zollen. Operesk zelebriert er selbst den vom Einschuß weggesprengten Kleidungsfetzen in Zeitlupe, montiert verschiedenste Perspektiven auf die gleiche Explosion bis zum Exzess. Dies entschädigt zwar kaum für die mangelnde Spannung, bietet aber einen würdigen Abschluß für einen Film über kämpfende Männer, eine Schnittmenge aus Gut und Böse, die Leerläufe durch freiwillig wie unfreiwillig komische Momente ausgleichen kann. Manch stumpf heruntergekurbeltem Kriegsfilm, der in der frisch aufgewogten Actionwelle entstand, hat Inglorious Bastards so noch einiges vorraus.

Originaltitel: Quel maledetto treno blindato
Deutsche Titel: Ein Haufen verwegener Hunde; Inglorious Bastards – Das Original
Produktionsland: Italien
Erstaufführung: 08.02.1978, Italien
Regie: Enzo G. Castellari
Darsteller: Bo Svenson, Peter Hooten, Fred Williamson, Michael Pergolani, Jackie Basehart, Michel Constantin, Debra Berger, Raimund Harmstorf, Ian Bannen, Flavio Andreini, Peter Boom, Vito Fornari u.a.

OFDb, IMDb, Wikipedia

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