Home » Film » Die letzte Rechnung schreibt der Tod (1976)

Die letzte Rechnung schreibt der Tod (1976)

Von denen, die auszogen um ihr und unser Glück zu machen

Die letzte Rechnung schreibt der Tod (1976) DVD von filmArt
Milano violenta
Die letzte Rechnung schreibt der Tod
(1976, Italien)
Regie: Mario Caiano
mit Vittorio Mezzogiorno, Claudio Cassinelli, Elio Zamuto, Silvia Dionisio, John Steiner u.a.
Die DVD stirbt und doch bäumt sie sich immer wieder auf. Nicht zuletzt ist sie das Medium für vergessene Perlen und Raritäten, auf die Fans schon lange warten. Die günstigeren Presskosten und ambitionierte Kleinlabels sind es, die sich neben den millionenschweren Firmen etabliert haben, deren Lizenzpakete unzählige Titel ohne Sonderbehandlung auf die Wühltische spülen. Mit Die letzte Rechnung schreibt der Tod beginnt filmArt nun die hauseigene Polizieschi Edition. Verwöhnt von ultimativen Veröfffentlichungen zu den Umberto Lenzi Filmen Die Gewalt bin ich und Die Kröte schluckt man zunächst, nicht zuletzt mit Blick auf den eigenen Geldbeutel.
Das Format ist ähnlich gewählt wie die jüngst gestartete Giallo Edition. Statt eines gelben Keepcase’ wählte man die Farbe Rot, was ein bisschen dem harten Grundton der meisten dieser Genrefilme geschuldet sein dürfte. Die letzte Rechnung schreibt der Tod erschien mit einem mehrseitigem Aufsatz in der gewohnten Bookletbeilage; jedoch ist der Umfang der DVD spärlich. Als Bonus liegt ein Trailer zum Film nebst Trailershow zum internen Portfolio bei. Den Film gibt es lediglich mit deutscher Sprachoption, wobei ehemals entfernte Dialoge der deutschen Fassung auf Italienisch mit deutschen Untertiteln integriert wurden. Eine passende Tonspur muß demnach vorhanden gewesen sein.
Immerhin kann der Besuch aus dem Ausland dank optionaler, durchgehend englischer Untertitel am Videoabend teilnehmen. Wer genauer hinschaut entdeckt jedoch auch, daß die Texte nichts mit den deutschen Dialogen zu tun haben. Ob das wohl eine Übersetzung des Originals ist? Einen forentypischen Shitstorm löste die Hiobsbotschaft indes nicht aus. Das Label filmArt konnte die Entscheidung schlüssig begründen. Die Rechte an Die letzte Rechnung schreibt der Tod gehören in Deutschland einem bestimmten Lizenzhalter, was in dieser Konstellation nur zwei Möglichkeiten bietet: Den Film innerhalb des gesteckten Rahmens bringen, oder eben nicht!
Da ist es dem Fan dann auch unwichtig, daß man in den wenigen eingefügten Dialogen erkennt, wie sehr sich ein sprachliches Maschinengewehrstakkato der Italiener von markig geknurrten Phrasen der deutschen Sprecher unterscheidet. Wer nicht gerade des Italienischen mächtig ist, hat schließlich keinen Nutzen an der ausschließlich in Landessprache verfügbaren DVD von NoShame aus Italien. Videofassungen aus Großbritannien und den Niederlanden sind mit ihrer englischsprachigen Synchro noch weniger eine Option. Was aber viel wichtiger ist, wo doch gerade der italienische Polizeifilm in der deutschen Labelpolitik oft als eins der am wenigsten Erfolg versprechenden Genres einen ungünstigen Stand hat: Lohnt sich überhaupt der Griff zu dieser Konserve?

Die Knurrhähne auf der Einbahnstraße ins Verderben

Die letzte Rechnung schreibt der Tod entstand unter der Regie des 1933 in Rom geborenen Mario Caiano. In jüngerer Zeit durfte man den Arbeiten aus seiner recht typischen Vita in Form von Die Killer-Meute, Django spricht das Nachtgebet und insbesondere dem unter Kennern geschätzten Der Mann mit der Kugelpeitsche aka Knochenbrecher im Wilden Westen neu begegnen. Der mit Barbara Steele besetzte Amanti d’oltretomba ist unter dem Titel Nightmare Castle dann schon wieder dem englischsprachigen Markt vorbehalten. Der an Die letzte Rechnung schreibt der Tod auch als Autor tätige Mario Caiano liefert mit dem im Original zugkräftig und traditionsbewußt als Milano violenta angepriesenen Film ein Werk, dem man im mehr oder minder urbanen Umfeld seine Parallelen zum Western nicht absprechen kann. Ein Dirty Harry Plagiat oder andere zeitgenössisch typische Stereotypen konkretisieren sich hingegen nur bedingt.
Dabei ist Mario Caiano in seiner Einführung bewußt reduziert. Er folgt nahezu dokumentarisch der Übergabe eines Fluchtwagens, zu der sich vier verschrobene Typen aus alltäglichen Situationen heraus zusammenfinden. Die Marschrichtung, die er mit Die letzte Rechnung schreibt der Tod einschlagen wird, findet sich zusammengefaßt in einem Straßenschild über dem stehenden Fahrzeug. “Senso Unico”: Aus der tristen Kälte der Umgebung steigen hoffnungsvoll aufgeregte Gangster in den PKW, um auf dieser Einbahnstraße den großen Coup zu landen. Dieser wird möglich durch die Angst vor einem Bankenstreik. Die Mitarbeiter einer Firma haben Bargeld statt des gewohnten Schecks gefordert und so bietet sich die Situation offenbar an. Wild entschlossen machen die tolldreisten Kerle in jeder Handlung klar, daß es keinen Kompromiss geben wird.
Unter Polizeiaugen entwickelt sich ein kleines Geiseldrama, welches nicht ohne Spuren von Gewalt abläuft. Die Ordnungsmacht wirkt hierbei zunächst nicht als Herr der Lage. Man muß ihnen jedoch zu Gute halten, daß auch die Ganoven Spielball ihres Schicksals sind. Wenig aufgeregt inszenierte Verfolgungsszenen unterstützen den chaotischen Eindruck. Vielleicht ist dies der Grund, warum unter anderem der Katholische Filmdienst Die letzte Rechnung schreibt der Tod als eher hektisch empfand. Dabei zeigt sich hier vielmehr ein erdiger Realismus, der durch das Fehlen von Prunkkarossen nur gestützt wird. Ähnlich improvisiert aber geschickt wirkt dann auch zum Beispiel eine Kollision zwischen LKW und Motorrad, bei der im Moment des Aufpralls der klickende Blinker ins Zentrum gerückt wird.

Das erschütternde Lied von der Sozialethik

Später wird man eine zentrale Figur sagen hören, daß er ein Einzelgänger sei, der sich nicht ändern lasse. Während die Polizei oftmals nur benutzt wird Zusammenhänge zu erläutern, verdeutlicht sich, daß eine gerechte Strafe angedacht ist. Es scheint jedoch fast ein fatalistisches Grundvertrauen zu sein, mit dem man sich von dieser Seite zurückhält. Anfangs noch auf Geräusche und Dialoge beschränkt bäumt sich die sägende Gitarre über eruptierenden Gewaltspitzen in Die letzte Rechnung schreibt der Tod auf. Bald schon übernehmen jedoch Anklänge von Jazz die Begleitung von tempomässig zurückgelehnten Szenen. Die Bande zerstreut sich in den verebbenden Wogen ihrer Tat.
Ein wenig erinnert die Machart an die Auflage unter dem Hays Code, daß Gangster nicht positiv dargestellt werden dürfen. Sicher, sie sind für den Moment mit dem Geld entkommen. Was sie nun jedoch von Innen zersetzt, ist die Gier. Keiner will dem anderen in dieser gnadenlosen Welt das Glück gönnen oder den Traum, sich in Frankfurt fern des Trubels abzusetzen. Die letzte Rechnung schreibt der Tod ist demnach ein sehr präzise gewählter Titel für eine Kriminalballade, deren Konzeption von den kargen Schauplätzen wie einem Schrottplatz oder einem verlassenen Schlachthof nur noch unterstrichen wird. Daß im Finale ein spätherbstliches Laubwäldchen mitteleuropäischer Art zur Kulisse wird, sagt nicht nur etwas über die Produktionsbedingungen aus, sondern stellt den Film auch inhaltlich abseits von Glanz und Gloria schillernder Actionformate.
Die letzte Rechnung schreibt der Tod ist die Abrechnung der Verbrecher mit einer Tristesse in der die eigene Freundin auf den Strich geht. Vielleicht ist es auch eine Abrechnung mit einer Welt, in der Frauen nicht konservativ den Haushalt pflegen dürfen, weil ohne ihre Mitarbeit das Geld fehlen würde. Ganz bestimmt aber ist es eine sinnsuchende Bilanz einer Gesellschaft, in der Menschlichkeit und Moral auf die Probe gestellt werden.

Ein kleiner Lichtstrahl am Horizont

Es ist ein kleiner Funke Optimismus, mit dem Mario Caiano seinen Film abschließt. Er scheint sagen zu wollen, daß sich mit etwas Geduld die Redlichkeit am Ende auszahlen wird. Es bleibt zu hoffen, daß sich dies auch auf die wenigen Labels übertragen läßt, die dem Genrefilm die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen und die in Relation zum Aufwand immer noch faire Preise fordern. Hätten immerhin andere eine große Hartbox oder ein Mediabook um diese DVD gebastelt, um dann bei einem Endpreis von 30 € zu landen, kann man Die letzte Rechnung schreibt der Tod schon für 17,98 € im OFDb Shop bekommen. Es ist ein kleiner Obolus, wenn man bedenkt, daß sich hierüber auch immer die Zukunft anderer Projekte bei filmArt entscheidet, die sich nunmal nicht über die Resonanz von Downloadplattformen refinanzieren lassen. Die letzte Rechnung schreibt der Tod ist sicher kein Mainstream und damit ein wenig vom Zuspruch der Fans abhängig. Wer sich auf diesen Trip einlässt wird allerdings auch mit einem durchaus interessanten Film belohnt. Wer also auch in Zukunft nicht nur Kino von der Stange will, sollte ruhigen Gewissens zugreifen. Habe ich übrigens wie bei jedem anderen Release des Labels auch gemacht. Ehrensache.

Eine weiteres Review zu Die letzte Rechnung schreibt der Tod findet ihr auch “drüben” beim Filmforum-Bremen.

Wie ist deine Meinung zu diesem Film? Hat dir der Artikel gefallen? Hast du ergänzende Informationen anzubringen? Ich freue mich über deine Mitteilung! Immer! Natürlich captcha- und anmeldefrei.

  • Originaltitel: Milano violenta
  • Deutscher Alternativtitel: Die letzte Rechnung schreibt der Tod
  • Regie: Mario Caiano
  • Autor: Mario Caiano
  • Darsteller: Vittorio Mezzogiorno (dt. Michael Eder), Claudio Cassinelli (dt. Klaus Kindler), Elio Zamuto, Silvia Dionisio (dt. Eva Kinsky), John Steiner (dt. Eberhard Mondry), Biagio Pelligra, Salvatore Puntillo (dt. Thomas Reiner), Luciana Scalise, Margherita Horowitz, Luigi Casellato, Francesco D’Adda, Paolo Montesi, Massimo Mirani, Bruno Righetti, Francesco Motolese, Luigi Marturano, Dada Gallotti, Carlo Dori, Nando Sarlo, Oscar Sciamanna, Sergio Testori
  • Erstaufführung: 1976
  • Produktionsland: Italien
  • Produktionsfirma: Jarama
  • Produktion: Renato Angiolini
  • Kamera: Pier Luigi Santi
  • Schnitt: Renato Cinquini
  • Musik: Gianfranco Plenizio
  • Special Effects: Luciano Anzellotti

Infos: OFDb, IMDb, Moviepilot

# 0-9ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Die Rechte an der zu Dokumentationszwecken verwendeten Coverabbildung liegen bei filmArt/Media Target. Der Text ist Eigentum von Intergalactic Ape-Man. Nachdruck, Speicherung oder Kopie in digitaler und physischer Form sind außer zum nicht-öffentlichen Privatgebrauch ohne vorherige Genehmigung grundsätzlich untersagt. Eine auszügliche Verwendung des Artikels im üblichen Rahmen eines Zitates (ca. 200-300 Zeichen, aber weniger als 1/3 des Textes) ist unter Angabe der Quelle, in elektronischen Medien als (webcrawler-tauglicher) Hyperlink, gern auch zu kommerziellen Zwecken gestattet.

Posted in Film and tagged as , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

One comment on “Die letzte Rechnung schreibt der Tod (1976)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>