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Blut an den Lippen (1971)

Mythen und Legenden des Vampirs in einem kinematographischen Rausch

Blut an den Lippen (1971) Blu-ray von Bildstörung
Les lèvres rouges
Blut an den Lippen
(1971, Belgien/Deutschland/Frankr.)
Regie: Harry Kümel
mit Delphine Seyrig, Danielle Ouimet, John Karlen, Andrea Rau u.a.
Drop Out Blu-ray & DVD / Budget Blu-ray & DVD von Bildstörung
Blut an den Lippen beginnt mit einer Reise. Ob Harry Kümel, der bereits hier die Saat seiner sensorisch-unterbewußt weit mehr denn aus der geradlinigen Erzählung florierenden Handlung setzt, eine konkrete Parabel zum zeitgenössischen Wandel anlegt, bleibt unkommentiert. Daß die Lebenspartner den Bund der Ehe jedoch in flappsiger Ironie als schicksalshaft empfinden, weil der eine den anderen nicht lieben würde, begründet den morbiden Fatalismus, welcher Blut an den Lippen bestimmt.
Aus der Psychologie des eigentlich passivierten Zugmotivs, dessen Bewegung eine Etappe auf dem Weg nach England darstellt, wo am Ziel ein dunkles Geheimnis Stefans (John Karlen) wartet, welches er seiner Angetrauten Valerie (Danielle Ouimet) bisher vorenthalten hat, ist vielleicht das Bild des Gleises am interessantesten für Blut an den Lippen. Die zwei Jungvermählten sind wie zwei Schienen auf dem selben Weg verbunden. Bei der Entscheidung, in einem Hotel in Ostende zu gastieren, handelt es sich um eine Variable gleich einer Weiche. Als zwei weitere Damen die pompöse aber doch alt und verlassen wirkende Herberge betreten, treffen so zwei Gleise zusammen – jeweils ein Schienenpaar.

Der Originaltitel von Blut an den Lippen lautet übersetzt schlicht Die roten Lippen. In dieser Farbgebung überstrahlen die Münder der Neuankömmlinge tatsächlich jedes altbackene Dekor der Eingangshalle. Gänzlich anders als die nordisch-blond hochgewachsene Grazie Valerie ist Ilona (Andrea Rau) mit knabenhafter Frisur eher androgyn, jedoch weniger als Page denn einer Zofe anmutende Begleitung einer deutlich an Marlene Dietrich angelehnten, mondänen Diva (Delphine Seyrig). Mit rauchiger Stimme stellt sich die Gräfin Elisabeth Bathory vor, nicht ohne den Portier (Paul Esser) in Verlegenheit zu bringen, nimmt dieser doch an, die Gräfin von einem vorherigen Besuch zu kennen.

Das Geschick Harry Kümels ist es, Blut an den Lippen in dieser zeitlosen Zwischenwelt von einer modernen Vergangenheit nicht nach den vampiristischen Stigmata tanzen zu lassen, welche den Film dennoch in feinen Äderchen durchziehen. Während ihm das Verschmähen von Lebensmitteln oder die Beeinträchtigung durch Sonnenlicht nur nebensächliche Notizen wert sind, kehren Eigenschaften in den Vordergrund, die ebenso seit Angedenken mit dem Mythos Vampir verwoben sind. Nicht umsonst sind es die Lippen und nicht die Fänge, die den Titel bestimmen.
Lange Zeit könnten Indizien ganz natürliche, unabhängige Ursachen haben. Offenbar sich einem Genrefilm aufdrängende Hinweise wie eine mörderische Blutspur oder ein Polizist (Georges Jamin), der seinerseits Verdacht hegt, werden kaum größerer Aufmerksamkeit bedacht. Was Harry Kümel in Blut an den Lippen betont, ist die betörende, dem Vampir zugeschriebene Seite.

Ganz natürliche Anziehung mischt sich so schnell mit der Manipulation der Gräfin, weshalb Schmollmund Ilona um ihre zukünftige Stellung bangt. Immer in verspielter Farbgestaltung, in der wie selbstverständlich immer dunkel wie strahlend rote Elemente und Kontraste hervorstechen, zeigt Gräfin Bathory auf laszive Weise die Fürsorge eines Gastgebers auf, während sie zugleich ein einnehmendes Wesen etabliert.
Während in Blut an den Lippen über lange Zeit kaum Bewegung zu verspüren ist, so ist die Atmosphäre dennoch von einer elektrisierenden Spannung geladen. Gleichwohl empfindet der Zuschauer den Film weit sexualisierter, als tatsächlich vorhandene Nacktszenen die Laufzeit okkupieren.
Anziehung wird selbstverständlich von beiden Geschlechtern bipolar (Oder besser zweigleisig?) ausgeübt. Die Figur der Gräfin Bathory als Verbindung zur Vergangenheit widerlegt eine Mode-Erscheinung, erinnert assoziativ in ihrem Auftreten mindestens an die speziell in Berlin nach dem ersten Weltkrieg aufblühende, gleichgeschlechtliche Szene mit zahlreich entstandenen Treffpunkten und Magazinen.

Mal umgarnt, mal verstoßen zappeln die Figuren im Netz der Gräfin, die, selbst Urheberin zwischenmenschlicher Dispute, Zwietracht streut und diese dann durch aufmunternde Worte wieder zu besänftigen weiß. Zufällig oder doch subversiv strukturiert steuern in Blut an den Lippen alle Beteiligten auf eine Entladung hin, bei der in einem Interludium exemplarisch roter Lebenssaft austritt, um in einer Kreuzigungsanalogie Beteiligte eines unwiderruflichen Paktes zu nähren.
Trotz bildgewaltiger Posen klingt Blut an den Lippen mit einigem Interpretationsspielraum für das Ende aus, das dankenswert nie durch eine Fortsetzung aufgegriffen wurde. Auf diese Weise hält sich die Deutungsfreiheit eines Films an der Spitze anziehender Genre-Erotismen, ohne mit dem ultrasinnlichen und über alle Maße ästhetisierten Beziehungsspiel bis zum heutigen Tage etwas von seiner Originalität eingebüßt zu haben. Als Zuschauer von lichtmalerischer Poesie gebannt verfolgt man Blut an den Lippen in einem ekstatischen Sinnestaumel.

Qualitativ gewohnt hochwertig präsentiert das Label Bildstörung den Film Blut an den Lippen ungekürzt als Drop Out 020 erstmals ungekürzt auf Blu-ray und DVD. Für den neugeprüft ab 16 Jahren freigegebenen Release wurde zahlreiches Bonusmaterial mit Harry Kümel in deutscher Sprache produziert. So spricht der Regisseur einen sehr interessanten Audiokommentar zur Originalfassung des Films und zu einer umfangreichen Bildergalerie. Dazu gibt er in einem Interview aufschlußreiche Auskunft.
Auf der beiliegenden Bonus DVD befindet sich ergänzend zur Originalfassung auch die wesentlich kürzere und im Handlungsverlauf umgestellte deutsche Kinofassung von Blut an den Lippen. Dies ist außerdem sinnvoll, da die bei CineSonor unter der Regie von Manfred R. Köhler entstandene Synchronfassung zwar an die Originalfassung angelegt werden konnte, aber weite Teile offen lässt, die im englischen Originalton erklingen. Auch wenn der Markt leider lange Jahre zu diesen Integralfassungen mit Werbeslogans wie “Weltweit längste Version” erzogen worden ist, sind diese lokalisierten Synchronfassungen doch eigene Kunstwerke, deren Inhalt sich zum einen auf die synchronisierte Schnittfassung bezieht, zum anderen mit Abweichungen oder erzählerischen Brücken nicht immer zu einer direkten Übersetzung der eingefügten Szenen per Untertitel harmoniert.

Auch wenn eine Synchronisation mit Tommi Piper durchaus einen Reiz ausübt, so ist im Falle von Blut an den Lippen für die Originalfassung ganz klar die englische Sprache überlegen. Da sich aufgrund der unterschiedlichen Abläufe eine Gegenüberstellung anbietet, findet sich an dieser Stelle auch eine hervorragende Gelegenheit, mögliche Vorbehalte abzubauen und einen Film auch einmal im Originalton zu genießen.
Wer diese Vorzüge der im Mai 2013 veröffentlichten Drop Out Version nicht in Anspruch nehmen möchte, darf sich inzwischen an einer Vanilla-Version von Blut an den Lippen erfreuen, die Bildstörung zum kleinen Preis auf Blu-ray und DVD anbietet. Neben vereinzelten TV-Ausstrahlungen auf Arte oder zdf.kultur ist dies eine günstige Gelegenheit, erstmals in Harry Kümels Bilderrausch zu versinken. Die Frage ist halt, ob man dann nicht lieber gleich das exzellente Gesamtpaket greifbar haben möchte, das Blut an den Lippen nicht nur ansprechend präsentiert, sondern einen wirklich informativen Mehrwert bietet.

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Andere Reviews zu Blut an den Lippen
Ergänzende Informationen

OFDb, IMDb, Wikipedia, Moviepilot, US-Trailer, Arte “Blow Up” Featurette

Daten zu Blut an den Lippen
  • Originaltitel: Les lèvres rouges
  • Deutsche Alternativtitel: Blut an den Lippen; Blut auf den Lippen; Solo für einen Vampir
  • Regie: Harry Kümel
  • Autor: Pierre Drouot, Harry Kümel, Jean Ferry, Manfred R. Köhler
  • Darsteller: Delphine Seyrig, Danielle Ouimet, John Karlen (dt. Tommi Piper), Andrea Rau (dt. Andrea Rau), Paul Esser, Georges Jamin (dt. Wolf Ackva), Joris Collet, Fons Rademakers
  • Deutsche Synchronfassung: CineSonor (Manfred R. Köhler)
  • Erstaufführung: 1971
  • Produktionsland: Belgien, Deutschland, Frankreich
  • Produktionsfirma: Showking Films, Maya Films, Ciné Vog Films, Roxy Film
  • Produktion: Paul Collet, Pierre Drouot, Alain C. Guilleaume, Henry Lange, Luggi Waldleitner
  • Kamera: Eduard van der Enden
  • Schnitt: Denis Bonan, August Verschueren, Hans Zeiler
  • Musik: François de Roubaix
  • Special Effects: Eugene Hendrickx
  • Stunts: Thierry Hallard
  • Soundtrack:
    • Lainie CookeDaughters of Darkness

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