Home » Film » Baby (1984)

Baby (1984)

Vom Wunsch nach einer Karateschule im West-Berlin der 80er Jahre

BABY (1984) von Basis DVD
Baby
(1984, Deutschland)
Regie: Uwe Frießner
mit Udo Seidler, Volkmar Richter, Reinhard Seeger u.a.
Spricht man mit Insidern über Karateschulen im deutschen Film, so kommen schnell Die Brut des Bösen und Macho Man zur Sprache. Allenfalls Mad Foxes – Feuer auf Räder, der sich als Abschreibungsprojekt des schweizer Produzenten Erwin C. Dietrich hemmungslos dem Trash verschreibt, ist dem Publikum in Erinnerung geblieben.
Mir blutet dann immer das Herz, gibt es doch einen viel schöneren Film, der im Gegensatz zu den drei genannten Beispielen jedoch nicht belächelt werden kann und dessen Karateschule auch noch im Bau befindlich ist. Baby trägt im Gegensatz zum martialischen Poster einen zurückhaltenden Titel. Während die Triangel des Trashes sich um Akteure dreht, die im besten Sinne auch eher als ambitionierte Amateure agieren, die endlich die großen Actionkracher nachspielen dürfen, hat sich Uwe Frießner für seinen zweiten Kinofilm über mehrere Monate mit der Besetzung durch Laien beschäftigt. Uwe Frießner verspricht sich hierbei eine Authentizität wie in seinem Debütwerk Das Ende des Regenbogens; sucht Ähnlichkeiten zwischen Darsteller und Figur und baut darauf, daß seine Schauspieler eigene Milieubeobachtungen in ihr Spiel mit einfliessen lassen. Das hervorragende Ergebnis spricht für ihn.

Baby (Udo Seidler) trainiert in seinem Karateanzug auf einer vertrockneten Grünfläche vor den Wohnmeilern Berlins. Die Härte seines Einsatzes bis zur Erschöpfung und über seine körperlichen Grenzen hinaus stellt Frießner Radiomeldungen über Terrorakte und Raketenabwehrprojekte, sowie einem Druckventil seines Protagonisten in der Selbstbefriedigung gegenüber. Die Gruppe Spliff berichtet zu Tanzbewegungen im gleißenden Disko-Neon von einem apokalyptischen Szenario. Die treibenden Rhythmen und die isolierten Tänzer sind die Berufswelt von Baby, der sich seine Brötchen als Türsteher verdient.
In wenigen Minuten haben wir den Status Quo der Hauptfigur überblickt, dessen Vergangenheit bewusst ausgelassen wird. Baby lebt demnach ganz im Jetzt und ist mit dem Stimmungsbild einer zukunftslosen Generation umgeben, welche sich im isolierten und von der Realität des Kalten Krieges eingepferchten Berlin zu einem drastischen Eigenleben entwickeln konnte, welches gerade von Künstlern der 80er Jahre hoch geschätzt worden ist.

In dieser Nacht trifft Baby auf Pjotr (Reinhard Seeger) und René (Volkmar Richter), die seine Aufmerksamkeit dadurch erregen, daß sie durch bloßes Zunicken an der Kasse der Diskothek passieren dürfen. Er wolle den Job ja nicht immer machen, berichtet Baby, als die beiden sein nächtliches Mahl unterbrechen und mit dem jungen Mann gleich noch eine kesse Dame aufgabeln, die dem Wunsch nach einem Strip kokett entgegnet, die Männer könnten dies doch auch einmal übernehmen. Der schmierige René hat da keine Hemmungen und wer weiß wie weit das Spiel gegangen wäre, hätte nicht seine Frau nebst Nachwuchs im Türbogen gestanden.
Während Pjotr eher als väterlicher Lude auftritt, zeigt René auch fürsorgliche Züge, als er die von einer Diskoschlägerei zerschundene Faust Babys verarztet und diesem spontan einen Kuß aufdrückt, als er den beiden Gaunern seinen Wagen leiht.

Das da etwas nicht ganz koscher läuft, sollte jedem Zuschauer aufgefallen sein, doch Baby findet offenbar etwas an diesen beiden Typen aus der schummrigen Halbwelt, die er nur so lange betreten wollte, bis er seine Karateschule finanziert hat. Auch die polizeiliche Beschlagnahme seines Autos, welches im Rahmen eines Bruches aufgefallen war, lässt ihn von diesem Weg nicht abkommen.
Das diebische Duo entpuppt sich schnell als geschickte Redner mit Kodderschnautze, hinter denen sich Verlierer verbergen, die sich gern in ihrer Vorstellung des prunkvollen Lebens inszenieren und so schnell immer wieder auf dem Hosenboden landen, wenn der Lohn ihrer Gaunereien verbraucht ist. So fährt Baby den Benz, während die Schaumwein schlürfenden Kumpane einen Spritdiebstahl forcieren.
Uwe Frießner zeigt in Baby abermals eine Diskoszene, in der ein Aggressionsabbau symbolisch in einer geballten Popperfaust zu sehen ist. Andere wollen körperlich Dampf ablassen, so daß der dort auf sich allein gestellte Protagonist mit der Wut über ein Hausverbot konfrontiert wird.

Er hätte sich Pjotr und René an seiner Seite gewünscht, gibt der Jüngling zu, der anscheinend eine erwachsenere und gereiftere Form des Einzelgängers aus Das Ende des Regenbogens ist. Die empathischen Gauner geben Baby offenbar Nähe und Anerkennung, ohne ihn zu sehr von seinem eigentlichen Ziel, der Karateschule, abzulenken. Denn für diese braucht er ja auch Geld, je schneller desto besser.
So nisten sich die zwielichtigen Gestalten in Babys Bude ein. Wenn sie seine Stereoanlage versetzen, dann geschieht dies selbstverständlich, um den Anwalt zu finanzieren, der Baby aus seiner misslichen Lage befreit hat, ein Knastaufenthalt für die Diskoschlägerei.
Jetzt haben sie alle etwas gemeinsam. Sie sind nicht nur Aussenseiter, sondern Gesetzlose, die sich gegen die Ungerechigkeit auflehnen, welche ihnen ihren Lebenstraum verwehrt.

Auch wenn es nun zu brisanteren Straftaten kommen wird, begleitet Wolfgang Dickmanns Kamera das Trio doch immer mit intimer Nähe, was die Besonderheit von Frießners Baby ausmacht. Es wäre ein leichtes gewesen, sich auf actionreiche Eskapaden einzulassen, begleitet von einem Katz- und Mausspiel durch die Polizei. Doch von dieser ist nicht viel zu sehen in der Inszenierung. Konsequent erleben wir später daher auch die Festnahme des Lebemannes René mit Baby und Pjotr durch den Hörer einer Telefonzelle, was der Spannung dramaturgisch nicht im Wege steht.
Uwe Frießner macht die Figuren erlebbar, denen er sich mit ihren Träumen und Fehlern nähert, wie er auch eine überfreundschaftliche Männerbeziehung beschreibt, die sich in einer Zärtlichkeit stützt, wie man sie selten in einem Kriminalfilm zu sehen bekommt.
Frießners harte Jungs sind auf verschrobene Weise sensibel und verletztlich, vor allem aber sind sie als Verbrecher nicht professionell.

Der sich immer mehr als Alkoholiker entlarvende Pjotr erzählt vor dem großen Raub davon, wie er bei einem Bruch auf einen Tresor geschnappt worden ist, was ihn von vornherein gar nicht als Partner empfielt. So erklärt sich schließlich auch die Eskalation, bei der Baby ein ungewolltes Trauma erleidet. Doch während Pjotr sich um seinen Kumpanen kümmert und ihm Ablenkung in der Normalität verschafft, indem die beiden eine zerfallene Fabriketage als Dojo ausbauen, erweist sich Renés Rolle in dieser Beziehung als das, was man im Österreichischen so umfassend als Haberer bezeichnet.
Bei dem großen Coup nur als Fahrer abgestellt, ist es nun René der die Früchte ihres Raubes verleben will, anstatt die Rübe unten zu halten und nicht aufzufallen. Wie ein Dandy betritt er noch einmal die staubige Kulisse, um sich zum Flughafen zu verabschieden. Er will nach Teneriffa, wird jedoch Tegel nicht verlassen.

Uwe Frießners Filme eint, wie er sich immer nah bei seinen Figuren befindet, ohne sie zu rechtfertigen oder zu verurteilen. Auch Baby, so berichtet der Regisseur, sei ein Film über nur einen Protagonisten. Pjotr und René geraten nur in den Fokus, weil sie der Hauptfigur so nahe stehen. Seine Geschichte ist direkt aus der Gesellschaft gegriffen, kein verkopftes Sozialdrama, aber eben auch kein abgegriffenes Kriminalfilmmuster. Baby spricht in gewissem Sinne aus dem Herzen eines Arbeitermilieus, welches Ziele am Horizont sieht, sich im Alltag aber mit dem Lebensunterhalt herumschlägt, was ein Vorankommen unterbindet.
Die Mehrheit der Bürger trotzt der Versuchung des schnellen Geldes, doch wer hat sich nicht im Geheimen schon vorgestellt, wie es wäre den großen Gewinn zu ziehen, auch wenn die Chance nicht ganz astrein ist? Näher kann ein Film dem Volk kaum kommen, welches sich schon beruhigt im Kinosessel zurücklehnt, als Pjotr entsetzt feststellt, daß so ein Raub nur mit Maschinenpistole wirklich durchführbar gewesen wäre. “Die Menschen wollen das Massaker!” ruft er berlinernd aus und nennt für Otto Normal schon genügend Hürden, den gleichen Versuch zu wagen, was nur durch Scheitern heilend übertroffen werden kann. Verbrechen lohnt sich einfach nicht.

Die Lohnenswertigkeit gilt, so möchte man meinen, auch fürs Filmemachen, denn während Uwe Frießners Das Ende des Regenbogens noch auf DVD der Edition Salzgeber als schwuler Kultfilm beworben in Nischen gedrängt worden ist, die dem Werk gar nicht entsprechen, so kann man auch Baby mit ein wenig Geschick im Gegensatz zu späteren Werken des genialen Auteurs immerhin noch offiziell erwerben. Wenn der Film nicht zum Zuschauer kommt, so muß der Rezipient eben zum Werk kommen, so scheint es, denn während Frießners Erstling noch als gepresste DVD veröffentlicht worden ist, gibt es Baby tatsächlich nur als professionell bedruckte DVD-R mit eigenwilligem, aber immerhin gedrucktem Cover, einer Postkarte mit dem Postermotiv und einem 20-seitigen Booklet zu erstehen. Bestellen kann man die DVD-R ausschließlich bei der Produzentin Clara Burckner selbst, die den Film im Shop ihres Basis-Film Verleihs für inzwischen moderate 16,90 € anbietet. Nostalgiker erhalten für 15,90 € eine VHS Version, deren Umfang mir leider nicht bekannt ist.

Obwohl ich vor dreieinhalb Jahren noch stolze 20,90 € für die Baby DVD-R berappte, deren Menü sehr hausgemacht, aber funktional ist, deren Transfer bis auf ein paar Bandflimmerer detailreich, aber mit 1,56:1 nicht dem originalen Kinoformat entsprechend ist und das als Bonus ansonsten nur eine Bildergalerie enthält, sage ich “JA!” zum Kauf dieses Films. Denn so wenig er gewürdigt wird, ist Uwe Frießner doch einer der besten Regisseure Deutschlands und insbesondere seine ersten Filme gehören zum besten, was man aus Deutschland je zu sehen bekommen hat. Selten erreichen Filme mit geringen Mitteln eine solche Echtheit, daß man jedes schale Bier und jede verglommene Kippe zu riechen, den Staub und das verschwitze Aroma von Pumakäfig zu schmecken glaubt. Keiner ist im Herzen so nah bei den Verlierern unserer Gesellschaft wie Frießner, der uns in Baby vor Augen führt, wie wenig wir uns in den Bedürfnissen von ihnen abheben.
Baby rückt den karatebegeisterten Jüngling so in ein ganz anderes Licht als John G. Avildsen in seinem Kino-Märchen Karate Kid, welches im November des selben Jahres in den deutschen Lichtspielhäusern startete.

Was sagst du?

Wie ist deine Meinung zu Baby? Hast du eventuell selbst eine Kritik dazu geschrieben? Hat dir der Artikel gefallen? Hast du ergänzende Informationen anzubringen? Ich freue mich über deine Mitteilung! Immer! Natürlich captcha- und anmeldefrei. >> Zu den Comments

Andere Reviews zu Baby
Ergänzende Informationen

OFDb, IMDb, Moviepilot, Filmportal

Daten zu Baby
  • Originaltitel: Baby
  • Regie: Uwe Frießner
  • Autor: Uwe Frießner
  • Darsteller: Udo Seidler, Volkmar Richter, Reinhard Seeger, Andreas Adam, Steven Cotton, Markus Dreier, Klaus Emkow, Andreas Hanft, Albert Hennig, Mike Hennig, Harald Henschel-Franzmann, Jürgen Hügli, Ingrid Jehne, Harald Kempe, Siegfried Kiehnapfel, Bernhard Kässner, Jack Lange, Wolfgang Marczynski, Frank Marwitz, Christian Prahl, Jeanette Radlinski, Thomas Runge, Horst Santo, Manfred Schenk, Detlef Sobottka, Wolfgang Splinter, Markus Stach, Maurice Steinbeck, Michael Stohf, Christine Wagner, Frank Willgalis, Sylvia Woiczechowski, Klaus Zoberbier
  • Erstaufführung: 23.02.1984, Internationales Forum des Jungen Films, Berlin, Deutschland
  • Produktionsland: Deutschland
  • Produktionsfirma: Basis-Film Verleih, WDR
  • Produktion: Clara Burckner
  • Kamera: Wolfgang Dickmann
  • Schnitt: Tanja Schmidbauer
  • Musik: Spliff (Reinhold Heil, Herwig Mitteregger, Potsch Potschka, Manne Praeker)

Archiv: # 0-9ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Die Rechte an der zu Dokumentationszwecken verwendeten Coverabbildung liegen bei Basis DVD. Der Text ist Eigentum von Intergalaktische Filmreisen / Intergalactic Ape-Man (Merkur Schröder). Nachdruck, Speicherung oder Kopie in digitaler und physischer Form sind außer zum nicht-öffentlichen Privatgebrauch ohne vorherige Genehmigung grundsätzlich untersagt. Eine auszügliche Verwendung des Artikels im üblichen Rahmen eines Zitates (ca. 200-300 Zeichen, aber weniger als 1/3 des Textes) ist unter Angabe der Quelle, in elektronischen Medien als (webcrawler-tauglicher) Hyperlink, gern auch zu kommerziellen Zwecken gestattet.

Posted in Film and tagged as , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 comments on “Baby (1984)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>